Die Leiden des Doktor Faust

Die Leiden des Doktor Faust

Schuld und Noogene Depression

Auch wenn es vielleicht schon lange zurĂŒck liegt, erinnern wir uns einmal kurz an unsere Schulzeit. Johann Wolfgang Goethe hat bekanntlich ein TheaterstĂŒck namens „Faust“ geschrieben, das als eines der wichtigsten deutschsprachigen Dramen gilt. Ob dem so ist, sei einmal dahin gestellt, aber worum geht es im „Faust?
Die erste HĂ€lfte des StĂŒckes wird Gelehrtentragödie genannt. Doktor Heinrich Faust ist ein gelehrter Mann, heute wĂŒrden wir sagen, ein extrem verkopfter Intellektueller. Faust leidet so sehr an sich und seinem Leben, dass er aus lauter Verzweiflung beschließt Suizid zu begehen. Hiervon erfĂ€hrt der Teufel, der hier Mephisto heißt, und bringt Faust dazu einen Vertrag mit ihm zu unterschreiben, der ihn zwar nach seinem Tod zur Hölle verdammt, wĂ€hrend seines Lebens jedoch nur alles erdenklich GlĂŒck verspricht. So, kurz zusammengefasst, die Handlung.
Als Heilpraktiker Psychotherapie wissen wir natĂŒrlich, dass schwere Depressionen von den Symptomen der Suizidgedanken und der Wahnvorstellungen begleitet werden können. Handelt es sich bei dem bekanntesten deutschen Drama in Wirklichkeit um die akkurate Beschreibung einer klinischen Depression? Und welche Symptome zeigt unsere Patient Faust sonst noch? Und welche Formen der Depression gibt es noch? Schauen wir uns zunĂ€chst die Handlung dazu etwas detaillierter an und stellen wir Schritt fĂŒr Schritt unsere Diagnose.

Der verstimmte Gelehrte

Doktor Faust begegnet uns zu Beginn des ersten Aktes zunĂ€chst allein und, wie Goethe die Szenerie beschreibt, „in einem hochgewölbten, engen gotischen Zimmer“. Es ist also alles andere als gemĂŒtlich in Faustens Heim; wir können es uns feucht und recht kĂŒhl vorstellen, zumal der FrĂŒhling gerade erst beginnt, wie wir spĂ€ter erfahren werden.
Voller Unruhe sitzt oder steht Faust an seinem Schreibpult und klĂ€rt die Zuschauer oder Leser in einem umfangreichen Monolog zunĂ€chst ĂŒber seine unglĂŒcklichen LebensumstĂ€nde auf: Er habe alles nur erdenkliche studiert und trotzdem sei er nicht weiter gekommen. Er kenne noch immer nicht den Sinn der Welt und den Sinn seines Lebens. NatĂŒrlich ist seine EinschĂ€tzung vollkommen subjektiv und wir bemerken hier bereits eine gewisse Einengung seines Denkens, die sich im Laufe seines Überlegungen immer weiter verstĂ€rkt. Faust kreist gedanklich bestĂ€ndig um sein UnglĂŒck und ist nicht fĂ€hig sich von den belastenden Themen zu lösen.
ZusĂ€tzlich wirkt er zwar zunĂ€chst traurig und zurĂŒckhaltend, doch langsam steigert er sich in eine Art Wut hinein und wirkt schließlich sogar eher manisch als depressiv. Er möchte wissen, „was die Welt im innersten zusammenhĂ€lt“. In den Worten des BegrĂŒnders der Logotherapie und Existenzanalyse könnte man sagen, dass fĂŒr Faust der Sinn seines Lebens noch immer verborgen ist.
Die Aggressionen, die Faust gegenĂŒber der Welt und seiner ungebildeten Bewohner empfindet, richten sich immer mehr gegen die eigene Person. Solche, auch „Autoaggressionen“ genannte GefĂŒhle sprechen dafĂŒr, dass sich Faust bereits in der ersten Phase der SuizidalitĂ€t befindet, wie sie vom dem Psychiater Erwin Ringl beschrieben werden. Wir bemerken also am Ende des Monologes zu Beginn des Dramas, ernste Symptome einer depressiven Verstimmung. Die Verzweiflung ĂŒber den Mangel an Sinn beginnt sich bei Faust zudem in Form von GefĂŒhlen der Brustenge körperlich zu manifestieren, was als ein weiteres, somatisches Resultat seines autoaggressiven Verhaltens verstanden werden kann. Faust beschreibt das GefĂŒhl so:

Und fragst du noch, warum dein Herz
Sich bang on deinem Busen klemmt?
Warum ein unerklÀrter Schmerz
Dir alle Lebensregung hemmt? (Vers 410-413)

Die Fokussierung auf sich seine negativen GefĂŒhle verstĂ€rkt die Zweifel an seinem einzigen Lebenszweck, der wissenschaftlichen Forschung. Diese bietet keine Ziel, sondern immer nur vorlĂ€ufige Ergebnisse. Doch aufgrund seines Alters glaubt er keinerlei Handlungsalternativen zu haben. Offenbar zeigen sich hier Symptome dafĂŒr, dass sich Faust in der“ Phase der Einengung“ nach Ringl befindet. Um dieser Einengung zu entfliehen, beginnt er Fluchtgedanken zu hegen und drĂŒckt diese metaphorisch aus: Reisen zu fernen, mystisch anmutende Orten werden als Auswege phantasiert, wenn Goethe Faust deklamieren lĂ€ĂŸt:

Oh sÀhst du, voller Mondenschein,
Zum letzten Mal auf diese Pein [
]
Ach! könnt‘ ich doch auf Bergeshöhn
In deinem lieben Lichte gehen [
]
Von allem Wissensqualm entladen,
In deinem Tau gesund mich baden. (Vers 386-397)

Aus dieser gedanklichen Einengung heraus unternimmt Faust noch einen letzten Versuch, seinem sinnlosen Leben neue Impulse zu verleihen. Er wendet sich in einer schwarzmagischen Beschwörung an den Erdgeist, eine Personifizierung der Natur. Diese Begegnung ĂŒbersteigt jedoch seine intellektuellen FĂ€higkeiten. Er muss sich von dem Anblick des Erdgeistes abwenden und dieser verschwindet wieder. Faustens Verzweiflung wird nun ĂŒbermĂ€chtig. Sein Habitus, sofern dies dem Text zu entnehmen ist, scheint sich nun vollstĂ€ndig von jener erwĂ€hnten manischen AggressivitĂ€t hin zu einer brĂŒtenden PassivitĂ€t zu wandeln.
In diesem Moment wird er von seinem SchĂŒler Wagner, der in seinem Haus lebt aus diesem Anfall unproduktiver GrĂŒbelei durch ein Klopfen an der TĂŒr aufgeschreckt. Faust scheint beinahe erleichtert, er begrĂŒĂŸt ihn mit den Worten:

Du rissest mich von der Verzweiflung los
Die mir die Sinne schon zerstören wollte (Vers 610-611)

Soziale Isolation und Suizid

Der SchĂŒler Wagner, der von der Gelehrsamkeit seines Lehrers Faust profitieren möchte und von diesem oft als „trockener Schleicher“ diffamiert wird, sorgt sich im anschließenden GesprĂ€ch jedoch vor allem um den Fortgang der eigenen Ausbildung und weniger um die Gesundheit seines Lehrers. Faust wird zwar aus seinen suizidalen Gedanken gerissen, aber er erfĂ€hrt von Wagner nicht die teilnehmende menschliche Zuwendung, die er in diesem Moment braucht. Oder ist es umgekehrt so, dass Faust genau diese Zuwendung schon nicht mehr sehen und annehmen kann, weil er zu sehr mit sich beschĂ€ftigt ist?
Nach einem kurzen sachlich-ablenkenden GesprĂ€ch zwischen Lehrer und wendet sich Faust jedenfalls, nun wieder allein gelassen, einer neuen Stufe der Verherrlichung des Suizids zu. Er hat nun endgĂŒltig die dritte Phase der SuizidalitĂ€t erreicht, die Phase der Suizidphantasie.

Doch warum heftet sich mein Blick auf jene Stelle?
Ist jenes FlÀschchen dort den Augen ein Magnet?
Warum wird mir auf einmal lieblich helle?
Als wenn im nĂ€cht’gen Wald uns Mondenglanz umweht.

Ich grĂŒĂŸe dich, du einzige Phiole!
Die ich mit Andacht nun herunterhole,
In dir verehr’ ich Menschenwitz und Kunst
Du Inbegriff der holden SchlummersÀfte,
Du Auszug aller tödlich feinen KrÀfte,

Erweise deinem Meister deine Gunst!
Ich sehe dich, es wird der Schmerz gelindert,
Ich fasse dich, das Streben wird gemindert,
Des Geistes Fluthstrom ebbet nach und nach.
Ins hohe Meer werd’ ich hinausgewiesen,

Die Spiegelfluth erglĂ€nzt zu meinen FĂŒĂŸen,
Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag. (Vers 686 – 701)

Das Gift, welches sich offensichtlich in der Phiole befindet, wird von Faust in sarkastischer Übertragung des griechischen Begriffes „pharmakon“ nun als Arznei verehrt, dessen Einnahme nun endlich und endgĂŒltig schmerzlindernd wirken soll. Der Tod wird euphemistisch und verharmlosend als „anzutretende Reise“ bezeichnet, jedoch ohne, dass Faust hier die echte Hoffnung auf ein glĂŒckliches Jenseits erwarten wĂŒrde, das dem Selbstmörder nach christlichem Glauben ohnehin verwehrt bliebe.
Faust setzt die Phiole jedoch nicht impulsiv an die Lippen, was auf eine der Unsicherheit entspringende Kurzschlusshandlung hindeuten wĂŒrde, sondern zelebriert ein in diesem Zusammenhang eigenartig wirkendes Ritual, das auf einen Schuldkomplex verweist.

Schuld und SchuldgefĂŒhle

Um den Zusammenhang zwischen SuizidalitĂ€t und Schuld zu verstehen kann es sinnvoll sein einen kurzen RĂŒckgriff auf die Überlegungen von Viktor Frankl zum Thema unternehmen. Nach Frankl existiert neben der körperlich und psychisch verursachten SuizidalitĂ€t, zum Beispiel im Rahmen einer schweren klinischen Depression, an der Faust zu leiden scheint, eine dritte Form der Depression. Nach dem griechischen Wort „Nous“, das man mit „Geist“ ĂŒbersetzen kann, nennt er diese Noogene Depression, als eine Depression die aus dem Bereich des Geistigen entsteht. Geistig meint hier jedoch nichts religiöses oder metaphysische, sondern den Bereich, in den der mensch sich frei hinein entfalten kann. Der Mensch ist, nach Viktor Frankl, ein Wesen, das in seinem Leben einen Sinn sucht und anstrebt. gelingt ihm dieses nicht, so beginnt er an seinem sinnlosen Dasein zu leiden, was eben zu GefĂŒhlen der Depression fĂŒhren oder eine solche verstĂ€rken kann. Im Falle von Faust könnte eine solche noogene Depression vorliegen. schauen wir uns seine Inszenierung des Selbstmordes etwas genauer an.
Faust greift hierzu nach einem, als „Scha[a]le“ bezeichneten, sorgfĂ€ltig verpackten und also wertvollen TrinkgefĂ€ĂŸ oder Kelch. In diesen hinein gibt er in den Inhalt der Phiole, also das Gift, um dieses Gift in einer obszönen Verkehrung heimeliger und freundschaftlicher Trinksitten und natĂŒrlich der katholischen Liturgie gewissermaßen zu dekantieren und feierlich in sich aufzunehmen. Aus dieser Ritualisierung wird erneut deutlich, dass es sich bei seinem angestrebten Suizid um einen sorgfĂ€ltig geplanten Bilanzsuizid handelt. Er handelt auch in seinen letzten Momenten nicht kopflos oder von unbeherrschten GefĂŒhlen angetrieben, sondern noch immer rational: Faust gibt sich selbst Sterbehilfe:

Nun komm herab, krystallne reine Schaale!
Hervor aus deinem alten Futterale,
An die ich viele Jahre nicht gedacht.
Du glÀnztest bey der VÀter Freudenfeste,
Erheitertest die ernsten GĂ€ste,

Wenn einer dich dem andern zugebracht.
Der vielen Bilder kĂŒnstlich reiche Pracht,
Des Trinkers Pflicht, sie reimweis zu erklÀren,
Auf Einen Zug die Höhlung auszuleeren,
Erinnert mich an manche Jugend-Nacht,(Vers 720 -729)

Wir erfahren nun auch endlich, was es mit der Schale oder dem Kelch auf sich hat, der ja fĂŒr Faustens Suizid offenbar ein wichtige Rolle spielt.
Der Kelch entpuppt sich zunĂ€chst als profanes familiĂ€res Erinnerungs- und ErbstĂŒck, aus welchem bereits Faustens Vater mit seinen Freunden in geselliger Runde zu trinken pflegte. FĂŒr Faust scheint er jedoch von großem ideellen Wert zu sein, weil es ihm als Heranwachsender offenbar erlaubt wurde an den vĂ€terlichen Festen und Trinkrunden teilzunehmen. Der Gegenstand verweist also nicht nur auf Faustens Jugend und seine familiĂ€ren HintergrĂŒnde, sondern vor allem auf eine lebhafte und kreative Form der Geselligkeit, die Faust in seiner Jugend offenbar genossen hat, auch wenn er solchen Unterhaltungen“ seit vielen Jahren nicht gedacht“ hat.
Die Ungeselligkeit und Misanthropie Faustens scheint also kein durch frĂŒhkindliche Erziehung oder körperliche Ursachen begrĂŒndeter Charakterzug dieses Menschen zu sein, sondern das Ergebnis eines sein spĂ€teres Leben bestimmenden möglicherweise traumatischen Erlebnisses als Jugendlicher oder junger Erwachsener.

Ich werde jetzt dich keinem Nachbar reichen,“.
Ich werde meinen Witz an deiner Kunst nicht zeigen,“.
Hier ist ein Saft, der eilig trunken macht.“.
Mit brauner Flut erfĂŒllt er deine Höhle.“.
Den ich bereitet, den ich wĂ€hle,“.!
Der letzte Trunk sey nun, mit ganzer Seele,“.
Als festlich hoher Gruß, dem Morgen zugebracht!(Vers 730 – 736)

Noch einmal thematisiert Faust kurz seine schmerzliche soziale Isolation und in einem Moment vorgeschobener Hochstimmung schickt er sich an den Suizid zu vollenden, doch wird er ein weiteres Mal durch den Klang, das“ Lied\flqq, der Kirchenglocken zur Osternacht unterbrochen.

Dieß Lied verkĂŒndete der Jugend muntre Spiele,“.
Der FrĂŒhlingsfeyer freyes GlĂŒck;“.
Erinnrung hĂ€lt mich nun, mit kindlichem GefĂŒhle,“.
Vom letzten, ernsten Schritt zurĂŒck.“.
O! tönet fort, ihr sĂŒĂŸen Himmelslieder!“.
Die ThrĂ€ne quillt, die Erde hat mich wieder! (Vers 779 – 784)

In den meisten Deutungen dieser Szene wird betont, dass sich an dieser Stelle zum ersten Male eine göttliche Macht in Fausts Schicksal einmischt. Ich persönlich neige jedoch eher dazu auch diesen Moment aus einer existenzialistischen Perspektive zu betrachten und die erwĂ€hnten“ kindlichen GefĂŒhle“ etwas genauer zu betrachten.

Faust wird im Moment des Glockenklangs von der Erinnerungen an eine glĂŒcklich verlebte Kindheit ĂŒberschwemmt und es gelingt ihm sich geistig-ontologisch auf diese auszurichten. Er erlebt die glĂŒcklichen Momente wieder und erlebt sie als eine RealitĂ€t, die ihn das Leben bejahen und ihn zu einem weiteren Mal sein Suizidvorhaben nicht durchfĂŒhren lĂ€sst.
Vergleicht man diese Stelle mit der oben erwĂ€hnten ersten Unterbrechung durch das Klopfen seines SchĂŒlers Wagner macht uns Goethe die logotherapeutische WirkmĂ€chtigkeit des von Frankl so bezeichneten“ Bei-Seins“ deutlich: WĂ€hrend Wagner Faust in seinem Handeln tatsĂ€chlich nur unterbricht und ihn rasch wieder zu seinem ursprĂŒnglichen Plan zurĂŒckkehren lĂ€sst, da das GesprĂ€ch mit seinem SchĂŒler fĂŒr Faust nicht werthaft ist,
erlebt er nun eine gelenkte Ausrichtung seiner gesamten Person auf ein erlebtes aktualisierbares GlĂŒck. In diesem Moment ist Faust ganz bei sich und die glĂŒcklichen Momente seines Lebens lassen ihn das Leben als solches bejahen. Der Impuls zum Suizid ist erneut niedergerungen, jedoch nicht durch Ablenkung, sondern durch eine neue Ausrichtung der Person auf sich selbst.
Freilich ist hierin noch keine Heilung einer Affektstörung zu sehen, sondern eher eine erweiterte und etwas nachhaltigere Form der SymptombekÀmpfung. Dieser neu gewonnene Lebensmut verhilft dem nach wie vor depressiven Faust zunÀchst seine soziale Isolation aufzugeben und sich wieder unter Menschen zu begeben.
Gemeinsam mit dem widerwilligen Wagner misch er sich unter das Volk, dessen Gesellschaft er auf dem sich der Messe anschließenden sonntĂ€glichen Osterspaziergang sehr genießt. Auch die blasierte Arroganz seines SchĂŒlers vermag seinen Genuss hieran nicht zu stören, so dass Faust voller Erkenntnis des Wertes einer menschlichen Gesellschaft ausrufen kann:

Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s seyn. (Vers 940)

Schuld und Schicksal

Wie wir vermutet haben, gehen die Ursachen fĂŒr Fausts Depression allerdings tiefer und sind existenzieller Natur, also nicht bloß reaktiv und das Produkt aktueller LebensumstĂ€nde, trotzdem reagiert er auf seine RĂŒckkehr in die Welt der Menschen zunĂ€chst positiv. Er lobt den FrĂŒhling, den er metaphorisch auf sich und seine Lebenssituation bezieht:

Vom Eise befreyt sind Strom und BĂ€che,
Durch des FrĂŒhlings holden, belebenden Blick,
Im Thale grĂŒnet Hoffnungs-GlĂŒck;
Der alte Winter, in seiner SchwÀche,
Zog sich in rauhe Berge zurĂŒck. (Vers 903 – 907)

Auf dem Spaziergang vor der Stadt bewegen sich Faust und Wagner nicht nur zwischen allerlei Menschen aus dem einfachen Volk, die sich ebenfalls der FrĂŒhlingssonne erfreuen, sondern es scheint, dass man dem stadtbekannten Gelehrten Faust sogar mit Hochachtung begegnet. Er ist in der Dorfgemeinschaft also kein unbekannter Kauz. man achtet ihn jedoch weniger fĂŒr seine abstrakte, wissenschaftliche Gelehrsamkeit, sondern fĂŒr die WohltĂ€tigkeit, die er gemeinsam mit seinem Vater dem Dorf geleistet hat. So wird Faust von einem“ alten Bauern“ auf das vergangene Tun seines verstorbenen Vaters angesprochen.

Gar mancher steht lebendig hier,
Den euer Vater noch zuletzt
Der heißen Fieberwuth entriß,
Als er der Seuche Ziel gesetzt.
Auch damals ihr, ein junger Mann,

Ihr gingt in jedes Krankenhaus,
Gar manche Leiche trug man fort,
Ihr aber kamt gesund heraus,
Bestandet manche harte Proben;
Dem Helfer half der Helfer droben. (Vers 997 – 1007)

Durch eine solche Anrede erweitert sich dem Leser nun schlagartig der Blick auf Faustens Charakter. TatsĂ€chlich handelte es sich bei dem misanthropischen Intellektuellen um einen, zumindest in der Vergangenheit, mutigen Arzt oder Krankenpfleger, der sich unter Inkaufnahme von gesundheitlichen Gefahren fĂŒr das eigene Leib und Leben selbstlos den Krankheiten seiner Mitmenschen gewidmet hat.
Angeleitet wurde er hierbei von seinem Vater, bei dem es sich offenbar ebenfalls um einen talentierten Arzt gehandelt hat.
Auch Wagner, dem diese LebensumstĂ€nde Faustens offenbar unbekannt waren, zeigt sich von der Bewunderung, die seinem Mentor entgegengebracht werden, beeindruckt, auch wenn er hauptsĂ€chlich daran zu denken scheint, welche Vorteile fĂŒr sich selbst er aus dieser hohen sozialen Reputation ziehen kann.

Welch ein GefĂŒhl mußt du, O großer Mann,
Bei der Verehrung dieser Menge haben!
O glĂŒcklich, wer von seinen Gaben
Solch einen Vorteil ziehen kann! (Vers 1011 – 1014)

Durch den physischen Kontakt mit der Umgebung, die positive Stimmung, die ihm entgegen gebracht wird und möglicherweise auch durch das typische“ Morgenhoch“ eine Depressiven nach durchwachter Nacht, ist Faust nun endlich bereit sich im anschließenden GesprĂ€ch mit eben jener Vergangenheit und der eigentlichen Ursache fĂŒr seine Depression auseinander zu setzen.

Hier saß ich oft gedankenvoll allein
Und quÀlte mich mit Beten und mit Fasten.
An Hoffnung reich, im Glauben fest,
Mit TrÀnen, Seufzen, HÀnderingen
Dacht ich das Ende jener Pest
Vom Herrn des Himmels zu erzwingen.(Vers 1024 – 1028)

Offenbar ist Faust als junger Mann nicht nur ein tief religiöser Mensch gewesen, der von der WirkmĂ€chtigkeit des Gebetes und sogar der Selbstkasteiung zutiefst ĂŒberzeugt war, sondern auch voller Mitleid fĂŒr das Leiden anderer und von dem dringenden Wunsch beseelt zu helfen. Er besass also die fĂŒr die Werterkenntnis und darauf fußende Sinnfindung notwendige FĂ€higkeit zur Selbsttranszendenz und Selbstdistanzierung. Auch wenn Faust also die besten Vorraussetzungen besaß, dank seiner unverstellten geistigen Person ein sinnhaftes Dasein zu fĂŒhren, muss es eine tiefgreifende existenzielle ErschĂŒtterung gegeben haben, durch welche sich sein geistiger Horizont verdunkelte. Faust selbst liefert in der folgenden SchlĂŒsselszene eine mögliche ErklĂ€rung:

O könntest du in meinem Innern lesen,
Wie wenig Vater und Sohn
Solch eines Ruhmes werth gewesen!
Mein Vater war ein dunkler Ehrenmann,

Der ĂŒber die Natur und ihre heilgen Kreise,
In Redlichkeit, jedoch auf seine Weise,
Mit grillenhafter MĂŒhe sann.
Der, in Gesellschaft von Adepten,
Sich in die schwarze KĂŒche schloß,
Und, nach unendlichen Recepten,
Das Widrige zusammengoß […]

Da ward ein rother Leu, ein kĂŒhner Freyer,
Im lauen Bad, der Lilie vermÀhlt
Und beyde dann, mit offnem Flammenfeuer,
Aus einem Brautgemach ins andere gequÀlt.
Erschien darauf, mit bunten Farben,
Die junge Königin im Glas,

Hier war die Arzenei, die Patienten starben,
Und niemand fragte: wer genas?
So haben wir mit höllischen Latwergen (Arznei)
In diesen TĂ€lern, diesen Bergen
Weit schlimmer als die Pest getobt.
Ich habe selbst den Gift an Tausende gegeben:
Sie welkten hin, ich muß erleben,
Daß man die frechen Mörder lobt.(Vers 1031 – 1055)

TatsĂ€chlich leidet Faust an einem SchuldgefĂŒhl. Er ist allerdings nicht in der Lage dieses von einer tatsĂ€chlichen Schuld, fĂŒr welche er oder sein Vater Verantwortung zu tragen haben, zu unterscheiden. Offenbar hat Faustens Vater in der Verzweiflung ĂŒber seine relative Hilflosigkeit einer schrecklichen schicksalhaften Erkrankung wie der Pest gegenĂŒber, zu Arzneimitteln gegriffen, welche bei einigen seiner Patienten zum Tode gefĂŒhrt haben. Die Deutung, der Vater habe sich hierbei teuflischer, schwarzmagischer Praktiken bedient und deshalb den Tod der Menschen wissentlich oder rituell verursacht, wie dieser Textabschnitt manchmal gedeutet wird, erscheint bei nĂ€herer Betrachtung als unhaltbar:
Die spezielle Kombination und Verwendung von Begriffen wie „rother Leu“, „Lilie“, „Brautgemach“ und „Königin“ weisen viel eher auf die alchemistische Praxis der „Spagyrik“. Bei dieser handelt es sich jedoch nicht um schwarze Magie, sondern eher um eine moralisch völlig unbedenkliche Form der Arzneimittelzubereitung. Fausts Vater stand also nicht mit dem Teufel im Bunde, sondern war ein rechtschaffener Mann, der nur zu ungewöhnlichen Mitteln gegriffen hat, um seine Patienten zu versorgen.
In seinem Entsetzen ĂŒber dieses missverstĂ€ndliche Handeln seines Vaters, durch einen, wir können davon ausgehen noch relativ jungen und unerfahren Mann, entstand in ihm das GefĂŒhl der stellvertretenden Schuld und Scham ĂŒber die angeblich grauenhaften Taten seines Vaters: Faust sah sich als Sohn gewissermaßen gezwungen die Verantwortung fĂŒr die Taten seines Vaters zu ĂŒbernehmen. Er verstand dabei jedoch nicht, dass Schuld etwas ist, das ein Mensch nur in vollem Bewusstsein und voller Verantwortung fĂŒr seine Taten auf sich nehmen kann. Eine stellvertretende Schuld kann es demnach nicht geben, wohl aber unproduktive SchuldgefĂŒhle. SchuldgefĂŒhle können allerdings eine Ă€hnliche Wirkmacht entfalten und zu den bereits erwĂ€hnten noogenen Depressionen fĂŒhren. In einem gewissen Sinne sind sie sogar noch schlimmer zu bewĂ€ltigen, denn wĂ€hrend ich mich von einer echten Schuld entschuldigen oder tĂ€tige Reue zeigen kann, hat das unberechtigt aufgeladene SchuldgefĂŒhl kein GegenĂŒber.
Doch auch Faustens Vater hat im engeren Sinne keine Schuld auf sich geladen: Im Falle einer Pestepidemie war die medizinische Wissenschaft zu jener Zeit völlig hilflos und griff in ihren Heilungsversuchen buchstĂ€blich nach jedem Strohhalm, beispielsweise auch nach Arzneien, die sich als lebensverkĂŒrzend erweisen konnten. Auch wenn Faust und möglicherweise sein Vater nach Verabreichung solcher Arzneien SchuldgefĂŒhle entwickelt haben mochten, haben sie sich jedoch nicht wirklich schuldig gemacht, denn sie haben sich ehrlich um Heilung bemĂŒht.
Eine solche Deutung wird auch durch die Aussagen des einfachen Volkes gestĂŒtzt, die ja den Vater, auch wenn er Tod und Leiden verursacht haben mochte, trotzdem als hingebungsvollen Arzt feiern. In teilen scheint auch Faust dieser Umstand bewusst, denn auch er bezeichnet seinen Vater ja durchaus als “ Ehrenmann“, wenn auch als „dunklen“. Da es fĂŒr den lebensunerfahrenen Jugendlichen jedoch nicht die Möglichkeit eines dichten GesprĂ€ches mit ihm gegeben hat, in welchem dieses Trauma hĂ€tte erörtert werden, und möglicherweise eine EinstellungsĂ€nderung hĂ€tte erreicht werden können, entwickelte Faust eine noetisch bedingte Schuldneurose, die zur völligen Ablehnung des Vaters fĂŒhrt, den er nun als“ frechen Mörder“ bezeichnet.
Da Faust sich als Helfer oder SchĂŒler seines Vaters jedoch noch imm mitschuldig wĂ€hnt, ĂŒbernimmt er die Verantwortung fĂŒr etwas, dass nicht verantwortet werden kann. Sein SchĂŒler Wagner, der Zeuge dieses Berichtes wird, bei dem es sich eigentlich eine Beichte handelt, reagiert zunĂ€chst richtig, indem er versucht eine dringend nötige EinstellungsĂ€nderung von Faust zu provozieren.

EinstellungsÀnderung

Wie könnt Ihr Euch darum betrĂŒben!
Tut nicht ein braver Mann genug,
Die Kunst, die man ihm ĂŒbertrug,
Gewissenhaft und pĂŒnktlich auszuĂŒben?
Wenn du als JĂŒngling deinen Vater ehrst,
So wirst du gern von ihm empfangen;
Wenn du als Mann die Wissenschaft vermehrst,
So kann dein Sohn zu höhrem Ziel gelangen. (Vers 1056 – 1062)

Nichts desto weniger kann eine solche EinstellungsÀnderung nur bedingt vorgenommen werden, weil Wagner letzten Endes zu einem falschen Schluss kommt, bzw. einen falschen Rat gibt.
Zwar hat er in seiner Analyse der Situation insofern recht, als dass die“ gute Absicht“ bei jeder Tat zunĂ€chst einmal zĂ€hlt, wodurch der unfallbedingte Tod der Patienten Faust und seinem Vater moralisch entlasten. Der Rat jedoch den Vater zu ehren und dessen Weg mutig weiter zu beschreiten ist aber insofern falsch, als dass fĂŒr Faust die Schuldfrage zumindest emotional noch lange nicht geklĂ€rt ist: Faust leidet an einem Verlust des Urvertrauens. Über dieses schreibt die Frankl-SchĂŒlerin Elisabeth Lukas treffend: „Da im Irdischen alles verlierbar ist, gibt es nur eine metaphysische Geborgenheit oder gar keine. Der darin geborgene Mensch ist nie allein. DafĂŒr fĂŒhlt sich der nicht darin geborgene Mensch auf eine infernalische Weise allein. [
] Jede ZurĂŒckweisung, die er erfĂ€hrt, ruft ihm glĂŒhenden Schmerzes seine Verlassenheit in Erinnerung. Jeder Misserfolg, den er erntet, drĂŒckt ihn noch traumatischer in die Verlassenheit hinein“
Hinzu kommt, dass Faust Wagners gegenwĂ€rtigen Ratschlag in einem gewissen Sinne ja bereits in der Vergangenheit angenommen hat, indem er sich in beinahe manischer Weise jahrelange wissenschaftliche theoretische Studien betrieben hat. In diesen abstrakten BemĂŒhungen ist er seinem Vater im Hinblick auf eine intellektuelle Reifung zwar gefolgt, aber hat jedoch dabei seine emotionale und geistige Reifung vernachlĂ€ssigt. Besser könnte man hier sogar von VerdrĂ€ngung sprechen, indem er sein (Mit)SchuldgefĂŒhl und die hieraus resultierende, man könnte sagen intellektuell-ödipale Ablehnung seines Vaters unter einem Berg unnĂŒtzen Wissens begraben hat. Auf dieser unbewussten Abarbeitung an seinem Über-Vater entwickelte sich auf der affektiven Ebene im Laufe der Jahre eine depressive Grundstimmung, die wir als Dysthymia bezeichnet.
Angesichts seines Alters und der damit verbundenen EinschrĂ€nkung der Handlungsmöglichkeiten konnte sich auf dieser Grundlage eine Sinnkrise, bis hin zu einem akuten Suizidwunsch auswachsen. Viktor Frankl nennt diesen Vorgang eine Vakatwucherung, welche die erwĂ€hnte Elisabeth Lukas folgendermaßen beschreibt: „Der Begriff“ Vakatwucherung“ bezeichnet das bereits erlĂ€uterte Hineinwuchern seelischer Krankheiten in ein Sinn- und Wertevakuum. [
] Es wurde plötzlich ein“ Loch“ ins Leben gerissen, eine Verwirklichungschance aus dem Machbaren entfernt, die persönliche Freiheit um ein spĂŒrbares StĂŒck beschnitten. Die Unwiederbringlichkeit des Verlorenen erzeugt jenes Vakuum, in das eine reaktive Depression hinein wuchern kann.“
Goethe zeigt sich jedoch als hellsichtig Kenner der menschlichen Psyche, indem er die Abwehrmechanismen gegen allzu schmerzhafte Einsichten in die eigene Verantwortlichkeit der Betroffenen vorfĂŒhrt: Zwar hat Faust Wagner durchaus zugehört, doch seine Abwehr in der Flucht in beschaulich harmlose AllgemeinplĂ€tze bleibt unĂŒbersehbar.

O glĂŒcklich, wer noch hoffen kann,
Aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen!
Was man nicht weiß, das eben brauchte man,
Und was man weiß, kann man nicht brauchen.
Doch laß uns dieser Stunde schönes Gut
Durch solchen TrĂŒbsinn nicht verkĂŒmmern! (Vers 1064 – 1069)

Nichts desto weniger hat der Osterspaziergang, die selbstzerstörerischen Impulse zunĂ€chst in den Hintergrund gedrĂ€ngt. Faust ist sogar in der Lage seine bisher als dĂŒster und einengend empfundenes Zuhause positiver wahrzunehmen.

Ach wenn in unsrer engen Zelle
Die Lampe freundlich wieder brennt,
Dann wird’s in unserm Busen helle,
Im Herzen, das sich selber kennt.
Vernunft fÀngt wieder an zu sprechen,
Und Hoffnung wieder an zu blĂŒhn,
Man sehnt sich nach des Lebens BĂ€chen,
Ach! nach des Lebens Quelle hin (Vers 1194 – 1201)

Doch kann sich auf dem Boden einer Noogenen Depression auf die Dauer keine Hoffnung grĂŒnden. Faust spĂŒrt zwar, dass eine Hinwendung zum Spirituellen bzw. zu einer Auseinandersetzung mit der geistigen Dimension seines Mensch-seins an dieser Stelle ein probates Mittel wĂ€re dem Kreislauf seiner Depression, die sich bereits wieder ankĂŒndigt zu begegnen, wenn Goethe ihn sagen lĂ€ĂŸt:

Aber ach! schon fĂŒhl ich, bei dem besten Willen,
Befriedigung nicht mehr aus dem Busen quillen.
Aber warum muß der Strom so bald versiegen,
Und wir wieder im Durste liegen?
Davon hab ich so viel Erfahrung.
Doch dieser Mangel lĂ€ĂŸt sich ersetzen,
Wir lernen das Überirdische schĂ€tzen,
Wir sehnen uns nach Offenbarung, (Vers 1210 – 1217)

UnfĂ€hig jedoch eine echte EinstellungsĂ€nderung vorzunehmen, greift Faust wieder zu dem ihm bekannten Fluchtmittel, er spaltet seine EmotionalitĂ€t ab und ist nur noch reiner Intellekt. Indem er sich nun dem Johannesevangelium zuwendet, erhofft er zwar eine religiöse Offenbarung, doch er glaubt diese auf rein intellektuell-philologischem Wege erreichen zu können und beginnt eine Übersetzung der Septuaginta aus dem Griechischen in sein, wie er sagt “ geliebtes Deutsch“.

Die nirgends wĂŒrd’ger und schöner brennt,
Als in dem neuen Testament.
Mich drĂ€ngt’s den Grundtext aufzuschlagen,
Mit redlichem GefĂŒhl einmal
Das heilige Original
In mein geliebtes Deutsch zu ĂŒbertragen,

Er schlÀgt ein Volumen auf und schickt sich an.

Geschrieben steht:“ Im Anfang war das Wort! (im griechischen Original „logos“)
Hier stock’ ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schÀtzen,
Ich muß es anders ĂŒbersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: im Anfang war der Sinn.
Bedenke wohl die erste Zeile,
Daß deine Feder sich nicht ĂŒbereile!
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: im Anfang war die Kraft!
Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
Schon warnt mich was, daß ich dabey nicht bleibe.
Mir hilft der Geist! auf einmal seh ich Rath
Und schreibe getrost: im Anfang war die That! (Verse 1218 – 1238)

Da der Begriff „Logos“ nicht nur mit den Termini „Wort“, „Begriff“, „Tat“, sondern eben auch mit „Sinn“ (sic!), bzw. einer Einheit aus diesen ĂŒbersetzt werden mĂŒsste, Faust es jedoch noch immer an der Erkenntnis des Sinnes im doppelten Sinne mangelt, versagt auch dieser Versuch sich die Welt bzw. die geistige Dimension seines Lebens durch Sprache und Intellekt untertan zu machen. Anstatt sich der Frage nach dem Sinn zu öffnen und hierin nicht nur eine Antwort auf die Frage nach der existenziellen Schuld zu bekommen, die er glaubt mittelbar auf sich geladen zu haben, sondern auch spirituelle Erlösung zu finden, weicht er der schmerzhaften Wahrheit erneut aus und verliert sich in hohlen Phrasen. Und selbstverstĂ€ndlich handelt es sich auch um keinen Zufall, dass sich just an dieser Stelle der teuflische Schalk Mephisto offenbart und einen erlösenden Paktschluss mit der Hölle anbietet.

Der Pakt mit dem bedeutungslosen Leben

Der Pakt mit dem Teufel ist allerdings nicht in einem moralischen Sinne als Entscheidung zum Bösen zu verstehen, sondern in ihrer existenzialistischen Deutung als der zunÀchst dauerhaftere Versuch durch die Verlockungen eines banalen Lebens, den geistigen Horizont Faustens noch weiter zu verstellen.
OberflĂ€chlich bietet Mephisto Faust eine beinahe verhaltenstherapeutisch anmutende Lösung seines noogen-affektiven Leidens an, indem er ihn nicht nur zurĂŒck in die Welt und unter Menschen fĂŒhrt, sondern ihm jeden nur möglichen weltlichen Genuss verspricht. Doch anders als der Osterspaziergang, der ja tatsĂ€chlich in einem gewissen Rahmen eine therapeutische Wirkung zeigte, indem der Umgang mit seinen Mitmenschen Faust zu einer ersten Auseinandersetzung mit seinen SchuldgefĂŒhlen motivierte, bringt der nihilistische Mephisto ihn dazu vom Leben nur noch simple Sensationen zu erwarten, die ihn von seiner Auseinandersetzung mit seiner eigentlichen Problematik ablenken sollen.
So fasst Faust seine Erwartungen von ihrem Pakt Mephisto so zusammen:

Doch hast du Speise die nicht sÀttigt, hast
Du rothes Gold, das ohne Rast,
Quecksilber gleich, dir in der Hand zerrinnt,
Ein Spiel, bey dem man nie gewinnt,
Ein MĂ€dchen, das an meiner Brust
Mit Aeugeln schon dem Nachbar sich verbindet,
Der Ehre schöne Götterlust,
Die, wie ein Meteor, verschwindet.
Zeig mir die Frucht die fault, eh’ man sie bricht,
Und BĂ€ume die sich tĂ€glich neu begrĂŒnen! (Verse 1678 – 1687)

Deutlich erkennbar an dieser Stelle bildet sich zu Faustens noogener Depression ein zweiter manischer Pol aus. Das unproduktive GrĂŒbeln wird ergĂ€nzt durch einen verzweifelten und oberflĂ€chlichen Lebenshunger, der, Ă€hnlich wie im Falle drogeninduzierter RauschzustĂ€nde, auf eine selbstzerstörerische Explosion hinsteuert. Diese manische Rastlosigkeit ist jedoch nicht im eigentlichen Sinne Ausdruck eines Lebenshungers, sondern muss als hohler Aktionismus verstanden werden, der vor allem von einer Auseinandersetzung mit seiner geistigen Person ablenken soll.

Und Schlag auf Schlag!
Werd’ ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zu Grunde gehn!
Dann mag die Todtenglocke schallen,
Dann bist du deines Dienstes frey,
Die Uhr mag stehn, der Zeiger fallen,
Es sey die Zeit fĂŒr mich vorbey! (Verse 1698 – 1706)

Um sich jedoch fĂŒr ein solches oberflĂ€chliches pubertĂ€res und hierin noch weiter selbstzerstörerisches Leben zu rĂŒsten, sorgt Mephisto folgerichtig zunĂ€chst fĂŒr eine VerjĂŒngung von Faustens Körper in den eines ZwanzigjĂ€hrigen.
Goethe erweist sich gerade hier als erschreckend weitsichtiger und moderner Autor, der hohlen Jugendwahn und den irrigen Glauben an ein unbegrenztes Wachstum in jeder Hinsicht als Flucht vor der Auseinandersetzung des todesĂ€ngstlichen Menschen mit Schuld und SchuldgefĂŒhlen demaskiert: Anstelle den menschlichen Körper und seine Begrenztheiten als schicksalhafte und herausfordernde Fragen des Lebens an den einzelnen Menschen zu begreifen, zeigte Goethe bereits vor zweihundert Jahren auf, dass eine Moderne, die die existenziellen Probleme des Einzelnen nicht ernst nimmt und ihm keinen Rahmen anbietet, in welchem er diese thematisieren und klĂ€ren kann, nicht nur zu individuellem Leid und sozialer wie wirtschaftlicher Zerstörung fĂŒhrt. Sie fördert auch ein entspiritualisiertes und nihilistisches Menschen- und Weltbild, deren Auswirkungen nicht zuletzt das Volk, in dessen Sprache Goethe seine Werk warnend verfasste, am eigenen Leib hat erfahren mĂŒssen, als Opfer, wie als TĂ€ter – Goethes Faust und seine Noogene Depression – traurig, klassisch und modern, so lautet mein Fazit.

 

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